
Pflegeversicherung begrenzt Armutsrisiko nicht
Das Evangelische Johanneswerk kritisiert die Finanzierung der stationären Pflege. Die Pflegeversicherung erfülle ihre ursprüngliche Aufgabe nicht ausreichend, sagt Geschäftsführer Bodo de Vries: „Sie war eigentlich dafür da, das Armutsrisiko der Bewohner, wenn sie in die Langzeitpflege kommen, zu begrenzen, zu reduzieren.“
Nach Ansicht von de Vries gelingt das nicht mehr. Die Pflegeversicherung zahlt einen festgelegten Betrag. Die Bewohner eines Pflegeheims müssen die übrigen Kosten selbst übernehmen. „Wir sind jetzt schon bei 3.500 Euro im Monat trotz Pflegeversicherung“, sagt de Vries über die Belastung in Nordrhein-Westfalen.
Viele Bewohner können die Pflegekosten nicht allein aus ihren laufenden Einkünften bezahlen. Sie müssen zusätzlich ihr Erspartes einsetzen oder später Sozialhilfe beantragen.
Johanneswerk widerspricht Teilkasko-Vergleich
Bodo de Vries hält die Beschreibung der Pflegeversicherung als Teilkaskoversicherung für falsch. Bei einer klassischen Teilkaskoversicherung übernimmt der Versicherte einen begrenzten Eigenanteil. Die Versicherung trägt den darüber hinausgehenden Schaden. Bei der Pflegeversicherung sei das Verhältnis umgekehrt, kritisiert de Vries: „In der Pflege ist das genau andersrum. Die Pflegeversicherung bezahlt einen festen Bestandteil [...] und der Nutzer bezahlt den ganzen Rest.“
Steigen die Heimkosten, wächst damit auch die finanzielle Belastung der Bewohner. De Vries ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Evangelischen Johanneswerks und Sprecher der bundesweiten Initiative Pro Pflegereform. Das Johanneswerk betreibt in Bochum den Buchenhof in Altenbochum.
Johanneswerk fordert grundlegende Reform
Das Johanneswerk fordert eine Pflegeversicherung, die Bewohner verlässlich vor steigenden Eigenanteilen schützt. Von der geplanten Pflegereform erwartet de Vries nach den vorliegenden Informationen jedoch keine ausreichende Entlastung. Bei der Reform könnten auch die Zuschüsse zu den Eigenanteilen sinken. Das würde die Bewohner und ihre Familien zusätzlich belasten. Konkrete Beschlüsse, Beträge und ein Termin für die Entscheidung sind in den bereitgestellten Informationen nicht genannt.
Ersparnisse gleichen die Kostenlücke aus
Im Buchenhof erlebt Martin Brambring die finanziellen Folgen. Seine 91-jährige Mutter und seine Tante leben in der Einrichtung. Beide können ihre Eigenanteile derzeit auch aus ihrem Vermögen bezahlen. „Meine Mutter weiß, dass sie im Augenblick von dem Ersparten lebt“, sagt Brambring. Der Familie sei auch klar, „dass das Vermögen irgendwann aufgebraucht sein wird und dass dann im Zweifel ein Sozialhilfeantrag gestellt werden muss“. Aus Sicht des Johanneswerks widerspricht diese Entwicklung dem ursprünglichen Ziel der Pflegeversicherung. Sie sollte das Armutsrisiko bei einer dauerhaften Pflegebedürftigkeit begrenzen. Stattdessen tragen die Bewohner weiterhin einen großen Teil des finanziellen Risikos.